Sonntag, 9. Juli 2017

Sonntagsbrötchen. #NoG20 aftermath

Sonntagmorgen. Draußen zwitscherts. Kirchturmglocken läuten. Das Kind rülpst auf meiner Schulter und strahlt mit der Sonne um die Wette. Ich gehe auf meinen kakelbunt beblühten Balkon, Temperatur testen. Unten rauschen ein paar Autos vorbei. Ich schnalle mir das Kind um, der Mann schnarcht noch ein bisschen. Der Weg zum Bäcker ist bevölkert von Spatzen, alten Frauen und jungen Männern und mittelalten Pärchen mit Hundeleinen, Brötchentüten oder Kindern in der Hand. Heile Welt.

Der Bäcker selbst ist mit seinem spärlich leckeren Angebot fast antikapitalistisch zu nennen. Wer nach neun Uhr dreißig kommt, kriegt nüscht mehr. Mitten in Berlin, Samstags wie Sonntags. Den Bäcker gibts hier schon immer. Und immer liegen hier die Samstags- und Sonntagszeitungen. Die mit den rotweißen Logos und ein paar Berliner. Gestern war der Zeitungstisch rotgülden, so leuchteten von allen Titelseiten die Feuerfotos aus Hamburg. Heute sind die Bilder gräulich verdreckt: Blicke in die geplünderten und verwüsteten Läden und Straßen. 

Ich versuche, nicht hinzugucken. Natürlich ist da kein Foto von dem Polizisten, der mit Demonstranten Tictactoe spielt. Sonne, bunte Menschen, die mit Kreide auf die Straße krakeln. Auch kein Foto von den zigtausenden Menschen, die (auch) am Samstag demonstrierten. Auch nicht das Foto von dem Typen im Tshirt, der mit seinem Wischtelefon ein Selfie vor brennden Barrikaden und Steineschmeißern macht.

Das eine wäre ein sonnigschönes Bild einer Szene, wie es sie an diesem Wochenende eben auch gegeben hat. Das andere wäre eine schlichte Tatsachenaufnahme. Das dritte schließlich wäre die Illustration einer Facette jenes Irrsinns, der sich in den Hamburger Straßen abspielte.

Die friedlichen Bilder taugen allerdings nicht für Titelseiten. Schließlich schwappte der Volkszorn dann sofort an die virtuelle Verlagshaustür, denn es gilt: wer sagt "guck hier, friedliche Demonstranten", der verhöhnt entweder die von Gewalt und Zerstörungswut Betroffenen oder ist gleich selber Steineschmeißer. Die Satiriker des Internets haben das bereits ausreichend kommentiert und aufgeschrieben und aufgemalt.


Hamburg hat es mit Bravour, Feuerwerk und Donnerknall geschafft offenzulegen, was sich seit Jahren in BesorgteBürger-Demos, Filterbubbles und Kommentarspalten widerspiegelt: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

Die Empörung der Selbstgerechten und hunderten von Leuten, die meinen, sich aus "fernsehngucken" ein vollständiges, sachliches und sowieso völlig richtiges Bild der Geschehnisse in Hamburg machen zu können. Die nun geifernd oder Ichhabsdochimmergewusst-nickend darüber schimpfen, dass "die Linken" Hamburg verwüsten durften.
Der Versuch all jener, gegen die brenennde Bilderflut anzureden. Es gibt sie, die guten Kommentare, die Versuche, nicht "ja aber" zu sagen, sondern "darum geht es!"
Die Forderungen nach "lückenloser Aufarbeitung" der Eskalation durch ein paar Vermummte (mit Dienstnummer und mit Schwarzkapuze).
Die Aussicht darauf, dass Hamburg nun für den Wahlkampf noch einmal ausgeschlachtet und vor den Pöbel gezerrt wird.

Was mich - unter anderem - so unglaublich wütend macht, dass ich versuche, mich mit ein paar Pixeln abzureagieren, ist die Zerstörungswut in Hamburg. Ihr Vollidioten, ihr grandiosen Krawalltouristen, ihr habt mit Karacho eine ganze LKW-Kolonnenladung voll mit Argumenten für "Die Linken Sind Scheiße" ausgekippt. Denn natürlich sind brennende Autos links. Natürlich sind brennende Mülltonnen links. Natürlich sind das linke Demonstranten, linke Chaoten und linke Randalierer, die da in Hamburg unterwegs waren. Wer sonst? Besoffene Volltrottel? Ach Quatsch.

Während sich das Land am Wochenende selbst zerhackte, jede und jeder auf ihrer eigenen Moral hockte, saßen die G20 hinter Panzertüren und kichern sich einen Ast ab über euch. Sie beschließen unbehelligt eine Zukunft, in der es weiterhin Kleinwagen geben wird, die von Vollpfosten abgefackelt werden, damit andere wieder ihren gerechten Volkszorn auskübeln können und alle über die Medien motzen, die ja doch nie richtig und korrekt berichten. 

Ja, verdammich nochmal, ich habe teilweise gesehen, wie der Staat in Person von Polizeibeamten gegen Demonstranten vorgegangen ist. Das. ist. keine. Rechtfertigung. eine Stadt zu verwüsten.

Hamburg war eiskalte Kalkulation. Mal reinpieken in den Haufen und hoffen, dass er explodiert. Denn dann gibts: Ablenkung. Ablenkung vom Bundesrat, der noch vor der Sommerpause 60 Gesetze verabschiedet. Ablenkung von 130 Steuer-Millionen für einen Gipfelversammlung mitten in einer Großstadt, schließlich ist die Beseitugung der Explosionsschäden nachher teurer. Ablenkung von 20 Länderchefs, die die Welt noch ein bisschen weiter in die Scheiße reiten. Die sich mit dem Toddler aus Amerika über Klimaschutz streiten. Ablenkung von der Tatsache, dass mit dem Toddler Trump, Erdogan und Putin drei Autokraten in Deutschland aufhalten und mit denen sich unsKanzlerin über Hunger, Armut, Waffenhandel und Weltgesundheit diskutieren soll.
Es gibt außerdem: Wahlkampffutter. Und Futter für einen "Kampf gegen jeglichen Extremismus". Und Futter für die tägliche Selbstbestätigung.

Die Bilanzen überschlagen sich jetzt, Ausschüsse werden gefordert, Ermittlungen gegen gewalttätige Polizisten sowie Schwarzkapuzenträger gefordert, Anzeige folgt auf Anzeige, bestürzte Menschen stehen vor ihren zersplitterten Schaufenstern, Ikea muss bisschen reparieren, eine Kaufhalle ist kaputt, Briefe an Versicherungen werden geschrieben, und irgendwo sitzt Erdogan und guckt amüsiert BILD-Fotostrecken und noch irgendwo anders wachen die Selfie-Fotografen ein bisschen verkatert auf und gucken in ihre Handys: "Guck, endgeil, das Bild da, siehste wie der da hinten grad den Stein schmeißt?"


Meine heile Welt ist nicht selbstverständlich. Der Protest gegen die G20, die, so richtig eklig plakativ gesprochen, überall für blühende Balkone sorgen sollten, ist mit ach und krach eben so sichtbar geblieben hinter den Rauchschwaden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mittwoch, 16. November 2016

Fremdschämen

Mario Barth, Held aller unterjochten Feinde der Leitmedien, Verächter der Daoben, der politischen Elite, die halbe Autobahnbrücken für Wildtiere baut und bescheuerte EU-Normen für Pizzen festlegt, nur damit Herr Barth waschechten und hochkarätigen "Enthüllungsjournalismus" betreiben kann.

Für den bekommt er dann Applaus von Menschen, die in ihren Wohnzimmern zwischen Autobild und Katzenbaum sitzen, oder grade auf dem Handy die neuesten Kommentare unter ihrem "bei uns haben schon wieder diese Asylanten die Schaukel auf dem Spielplatz besetzt"-Post lesen.

Der Mann, der Erfolg hat mit Sprüchen, die mit dem Genre "Comedy" so viel zu tun haben, wie ein Ballermanntrip mit einer kulturhistorischer Bildungsreise, dieser Mensch also wollte sich neulich die Proteste gegen Trump angucken. Und stellt sich morgens vor den Trumptower, nur um kichernd sich zu echauffieren, dass da gar keine Demonstranten sind. Verrrückt! Morgens! Keine Demonstranten!!11! So 1 Ding!

Für derartige Dummheit und dreistes Ausnutzen seiner durch Flachzangenhumor groß gewordenen Reichweite möchte man ihm Lizenz entziehen. Mindestens. Wenn so etwas doch nur ginge. Wollten sie doch damals der Titanic wegnehmen, die Satirelizenz. Also muss das doch bei Barth auch gehen.Unterschriften gegen Barth. Sammelt schon jemand?

Seine Fans, die ihm zujubeln, weil er offenlegt, wie die Scheißmedien uns verarschen tagein tagaus, die kriegen nun wieder von dem Hohn, der Barth aus anderer Richtung entgegen schwappt, gar nichts mit. Geschweige denn von der Wut über dieses Affentheater, das er veranstaltet.

Wenn sie davon auch nur ein Fünkchen mitbekommen, ist es Wasser auf ihre Mühlen: Ist der Ärger des engblichen Bildungsbürgertums doch nur ein Beweis dafür, dass der Mario da einen wunden Punkt getroffen hat. Getroffene Hunde Bellen. Und so.


Freitag, 28. Oktober 2016

Fremd lesen

Oktober 2016. "Was werden unsere Kinder mal sagen, wenn sie in die Geschichtsbücher gucken und nachlesen, was da los war, in den 10er Jahren." Schreibt C. in einer Mail. In nicht mal zwei Wochen wird in den U.S. of A. gewählt. Zur Wahl stehen ein Gruselclown und Hillary Clinton. Letztere könnte dadrüben ein weiteres "Erstes Mal" sein: Nach dem ersten schwarzen Präsidenten die erste Frau im Oval Office.

Donald Trump, der Gruselclown, zu Beginn nicht ernst genommen, nun reale Gefahr, hat allen Ernstes Aussichten, zum Leader of the free World zu werden. Ich hab schon keine Lust mehr, diese Tatsache zu kommentieren und werde mich erst recht mit Spekulationen zurück halten. Die schreibende Zunft, Profi wie selbsternannter Experte, zerreißt sich ausgiebig genug das Maul, debattiert seitenlange Auflistungen von Pro und Contra, Analyse und zählt die Bernie-Fans, die Sanders wählen wollten und nun mit Absicht nicht wählen gehen, weil sie ja Hillary nie wollten. Unter anderem jenen möchte ich gern die Schuld geben, wenn dumbTrump allen Ernstes gewinnen sollte.

Trump in den USA, Ungarn diesseits des Großen Meeres, Syrien zerbombt und allein gelassen, die AfD hier, die Treibhausgase zu einem Segen für Flora und Fauna erklärt, Atomenergie toll fndet, Steuern für Reiche senken und Homosexualität am liebsten wieder unter Strafe stellen will, weil die Deutschen sich schließlich wieder auf den Erhalt von Volk und Nation besinnen sollen.

Was soll ich denn da noch schreibenn. Wozu noch reden, wenn da keine Worte sind.

Wen aufklären, hocken doch alle in ihrer sicheren Blase, die nie platzt, weil sie regelmäßig auf "Gefällt mir" klicken unter den Beiträgen all jener, die so denken wie sie.

Blubb.

Freitag, 9. September 2016

Ein Telefonprotokoll.

neues deutschland, Sarah Liebigt,

Guten Tag?



Schön' guten Tag

ich wollte die Frau Grahl im Sport sprechen

aber die ist wohl nicht da?



Sie sind im Berlinressort gelandet.
Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen,

worum geht’s denn?



Ja, ick habe da beim Sportquiz mitgemacht,

und nu wollt ich mich beschweren.



… Was denn für ein Sportquiz?



Na, ick habe das geguckt

und alle Fragen richtig beantwortet

und dann habe ich da angerufen

und wollte denen das sagen mit den Lokomotiven

und dann haben die mich gar nicht zu Wort kommen lassen

und gesagt, alles sei falsch

obwohl ich noch gar nichts gesagt hab

und dann wolltense ma ne Reise verkoofen.



Haben Sie das im Fernsehen gesehen,

das Quiz?



Ja.



Sie haben aber bei einer Tageszeitung

angerufen, mit dem Quiz haben

wir gar nichts zu tun.



Aber Sie müssen det doch irgendwo her kriegen.



Was denn?



Na… Na ick habe das Quiz gesehen und da angerufen und

… Ick möchte mich beschweren.

Sie müssen das doch irgendwoher bekommen.



Was bekommen wir?



Na den Sportteil. Sie haben doch einen Sportteil.




Das ist richtig, es gibt in unserer Zeitung einen Sportteil.

Aber kein Quiz. Das haben Sie im Fernsehen gesehen,

haben Sie gesagt. Wir sind eine Zeitung, kein

Fernsehsender.



Ja. Und ick möchte mich beschweren.





Das kann ich verstehen,

aber da sind Sie bei uns leider falsch.

Wir sind eine Zeitung, eine Tageszeitung.

Mit dem Fernsehquiz haben wir nichts zu tun.

Da müssen Sie bei dem Fernsehsender anrufen.



Bei dem Sender?



Ja.



Wat denn fürn Sender?



Na, Sie wissen doch bestimmt noch,

auf welchem Sender Sie das Quiz gesehen

haben. Dort müssten Sie anrufen.



Also bei der Telekom,

meinense, beim rbb?



Rufen Sie am besten die Auskunft an.


Donnerstag, 18. August 2016

Sieben

Seit bald sieben Monaten bin ich keine Journalistin mehr. Vor fast genau einem Jahr habe ich meinen Traumberuf mental an den Nagel gehängt. Aus so vielen Gründen. Privatleben haben. Freie Wochenenden, freie Feiertage. Bisschen mehr Gehalt. Einen Job haben, den ich nicht mit nach Hause nehme, der meine Samstage nicht mit Demos, Parteitagen, und Konferenzen vollstopft, oder meine Abende mit Debattenrunden in offiziellem oder semioffiziellem Kreis. Ich wollte wieder in Kneipen und Küchen sitzen, ohne ständig darüber nachzudenken, was ich aus den stadtpolitischen Äußerungen von Freund X machen könnte, welche Geschichte wohl hinter den Erzählungen von der Bekannten Y steckt. Nicht mehr vom Aufstehen an an Twitter, Facebook, Agentur-Newsstream und Emails hängen. 

Soweit ein Abriss. Sieben Jahre sind viel. Sieben Jahre auf verschiedenen Positionen, mit unterschiedlichen Anforderungen. Sieben Jahre literweise Herzblut, zentnerweise Energie verbrannt im Brennen für diesen Beruf und den immer vorhandenen Anspruch, mich und meine Arbeit weiter zu entwickeln. Aber: Sieben Jahre sind: Genug.

Nun bin ich weg. Habe einen Job, der wieder neue Anforderungen hat, meinen Ehrgeiz fordert und fördert, mich zum Lernen zwingt.