Thursday, February 23, 2006

Die musizierende Armlehne der Deutschen Bahn

Abfahrt 13:29, Gleis 4. Offenburg. Fahrt von Ka nach Be. Semesterferien. Verzeihung, Vorlesungsfreizeit. Naja, Ferien sind’s ja auch nicht wirklich. In Berlin warten die Stabü und vier Hausarbeiten auf mich.
30 Minuten warten im angenehmen Frühlingswind.
Mein Zug: Älteres ICE-Model. Die Waggons sind innen noch nicht aufs Effektivste ausgebaut. In der Mitte des Wagens gibt es diese Garderobeninseln, Spiegel, Kleiderhaken und ein bisschen Platz für ganz ganz schmale Gepäckstücke.
Platz Nummer 48. Hoffnungsvolles Untersuchen der Armlehne – Ja!! Es gibt Tasten für Lautstärkre, Kanalwahl und die kleine Buchse für das Kopfhörerkabel.
Also Kopfhörer aus dem Player aus- und in die Armlehne eingestöpselt. Ich klicke mich durch die acht Kanäle auf der Suche nach der unvermeidlichen Pop/Rock-CD der Deutschen Bahn oder Radio Jump. Meinem Lieblings-Hass-Sender nach drei Jahren Fernbeziehung Berlin-München.
Keins von beiden finde ich.
Stattdessen: Nachrichten, Klassik, sonst eigentlich hörbar, in diesem Zug jedenfalls nicht.
Kanal 1: Oje was ist das. Ich fühle mich unangenehm an die UuhUuh-AahAah-Gesänge im Fühlkino in Huxleys Schöner Neuer Welt erinnert. Es klingt nach indianisch/aztekischen Gutwettergesängen, mit ein bisschen Südseeflair. Abgemischt von einem ExHollywoodproduzenten aus dem Genre Südseeträume/Dokumentationen über fremde Welten. Zielgruppe: Groschenromanleser/innen aller Länder.
Jambo Jambo, wo sind meine Kokosnüsse?
Kanal 2: Kaum erklingen die ersten Takte, schwankt ein müdes Maultier mit einem noch müderen Cowboy durch den Gang zwischen den Sitzen. Eine testosterongeschwängerte Stimme, bourbon triefend, ‚singt’ schleppend vom Schmerz der Einsamkeit. Just give my love to Rose. …
Andere Kanäle: …vor vierzig Jahren baute man hier die Marienkirche. Stolz zeigt uns Pater Igor… …und entlassen mich mit guten Wünschen zu positiver Denkungsart. Versuchen Sie auf keinen Fall, Ihr Stimmungstief durch eine Beziehung zu überwinden. …
Ha. Da. Kanal drei. Eine aus Kindertagen vertraute Stimme erzählt von einer Ente, die lieber Puteneier ausbrütet, anstatt ihren Jungen das Schwimmen beizubringen. Pieppiep, es schlüpfte... – äh. Klickklick.
Geigen/Violinen Geschrabbel und Geklimper, weiblicher Chor, ein Bariton – Sulemaleikum, wo ist Aladin?
Ein Ruck, das Kabel fliegt aus der Armlehne direkt zurück in en MP3-Player. Gelobt sei mein Privatmix gegen Bahn/Reisefrust und ein (potenziell) schlechtes Angebot aus der Monomediaarmlehne.

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