Monday, March 20, 2006

Die Runde geht an mich

I

Im Ersten Semester vermisse ich das Großstadtflair. Und hoffe, diesen Mangel mit seltenen Ausflügen nach Hause, nach Augsburg – na ja – und Zürich kompensieren zu können.
Der tröstende Kommentar von Daheimgebliebenen: Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an ein Leben in der Kleinstadt. Doch eins weiß ich bereits nach einem Semester: Studieren hier – ja. In Ordnung. Aber Leben? In so einem Kaff? Nein. Danke.
Nach einem Jahr wird mir klar, dass es nicht die Großstadt ist, deren wunderbare Eigenschaften ich vermisse. Mir fehlt Berlin.
Und ich beginne den langwierigen Versuch, diesen Mangel auszugleichen. Ich höre Musik. In meinem Fall sind das Seeed, Element of Crime, die Ärzte. Dann will ich mir Berlin an die Wand hängen. Ich habe bloß kaum Wände. Der Kleiderschrank dient als Klebefläche. Mitunter will ich es groß an die Decke sprühen: Mein Berlin. Von einem Besuch zu Hause bringe ich alte BE-Plakate mit. Brecht. Müller. Shakespeare. Und warte sehnsüchtig auf den Umzug in die neue Wohnung. Wo es mehr freie Flächen geben wird.
Schließlich fange ich an, mir Berlinfilme auszuleihen. Vertiefe den Kontakt zu denen daheim. Und freue mich kugelig wenn im Messanger die Freundin anfängt zu berlinern. Man erwärmt alte Kontakte. Plant das Praktikum in Berlin.
Und Besuche zu Hause sind auf einmal wie ein Drogenrausch.
Es gibt dann harte Entziehungsphasen, in denen man im Bus steht und zwei Mädels zu hört, die lauthalsch über die dummen Schweizer läschtern, die könne ja nimmer Doitsch. (Logisch, sind ja auch keine. Deutschen.) Und ich denk mir, manmanman, fahrt ihr mal nach Berlin oder irgendwohin nördlich des Mains und versucht mal euch mit eurem schrecklichen Dialekt durchzuschlagen.
Und ich sitze wieder kopfschüttelnd im Seminar, wenn die Referentin ihr offensichtlich komplett ausformuliertes Skript vorschwäbelt.

II

In den ersten Wochen ein erstes Weggehen mit Kommilitonen. Das typische Rumfragen: Und, was studierst du so? Nächste Frage: Und woher kommst du? Berlin? Echt? Sag doch mal was auf berlinisch.
Äh. Wie jetzt? Leicht peinlich berührtes ins Glas gucken. Fünf Gesichter schauen erwartungsvoll. Ich kann in etwa verstehen, wie es für das Mädchen aus Rumänien früher war, eine Klassenkameradin, wenn sie gefragt wurde: Du sag doch mal was auf…
Ich bin ein Exot. Nur eben keiner, den man schon von weitem an Hautfarbe oder Gesichtszügen erkennen kann. Und ich berlinere ja auch so gar nicht. Wirklich. Das glaubt ja keiner, dass ich aus Berlin komme. Eher so Halle. Weil in Berlin da reden die doch alle so… - na so halt.
Mittlerweile kann ein Satz freinachschnauze gesprochen zu Begeisterungsstürmen führen. Mittlerweile habe ich gelernt, meinen Dialekt wirkungsvoll einzusetzen, um beispielsweise ein wenig Spaß in die Runde zu bringen. Obwohl der Spaß eigentlich nur mit ein paar begeisterten Lachern beginnt und darin seinen Höhepunkt findet, den ‚Südstaatlern’ bei schaurigen Nachahmungsversuchen zuzuhören.
Regelmäßig kommt dann ein atemloses „I kanns net“.
Besonders freuen sich Ärztefans. Da pustet dann so ein wenig Großstadtflair in die Kleinstadt. Wenn da so eine reden kann wie die Lieblingsrockband.
Da wird doch die WG glatt ein wenig aufgemotzt.
Letztes Beispiel: selbst nach anderthalb Jahren, wenn man seinen Freundeskreis allmählich fixiert hat, gibt es noch Aha-Erlebnisse. Man erinnere sich an den Werbespot für eine Versicherung. Vier Herren spielen Quartett und hauen sich Rendite- und Beitragszahlen um die Ohren.
Letztens im Cafe: zu fünft am Tisch. Na, wer kommt denn hier aus der größten Stadt. Ich grinse in mich hinein. Drei legen gleich die Karten resignierend auf den Tisch. Das andere Mädel grinst triumphierend. Na ich. Alle lachen. Nö. Wieso – woher kommt denn die Sarah? Na aus Berlin.
Tja, alle Karten mit einer lässigen Bewegung eingestrichen. Die Runde geht an mich. Köln. Pah.

1 Comments:

Blogger Katja said...

bist du böse? wirklich so schlimm? jetzt fühl ich mich schlecht und provinziell.

2:19 AM  

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