Tuesday, July 04, 2006

Die Welt des Haruki Murakami


Durch seine Bücher ziehen Schafe, Katzen, geheimnisvolle Frauen und Blutspuren.
Es gibt Katzen, die die Namen von unge-/beliebten P
ersonen tragen und verschwinden, gesucht werden und vielleicht wieder auftauchen, einfach so, als wäre nichts gewesen – leere Gärten, verzauberte Wälder, gedächtnislose Dörfer, geheimnisvolle Gebäude – allein stehende Thirtysomethings, kinderlos, frauenlos, arbeitslos – mystische Frauenfiguren tragen Namen wie Malta und Muskat, können Reisen im Geist unternehmen und bringen den Alleinstehenden dazu, seltsame Dinge zu tun.

Die 30-jährigen Männer halten sich an diese seltsamen Hinweise und tauchen in Geisterwelten ein – meist ohne sich groß zu wundern, Fragen zu stellen oder Zweifel und Mißtrauen zu äußern – um ihre Frauen zu suchen und ihre Katzen zu finden.

Murakami öffnet Türen zu einer Welt, die mich an Mangas erinnert. Comicstrips, in welchen Fabelwesen auftauchen, mitten in der Stadt, menschliche Figuren mit seltsamen Namen auftreten, böse ältere Herren sich dem Protagonisten in den Weg stellen, schöne Frauen vermisst werden, und der Protagonist entweder in einer deutlich gezeichneten Märchenwelt landet oder aber in einer Art Parallelwelt ankommt. Alles schaut genauso aus, wie in der Stadt aus der er kommt, aber es gibt Geisterwesen, Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten und all dies erscheint ganz natürlich zu sein. Diese Mangas entstehen in meinem Kopf, sind schwarzweiß, bunt oder in Erdfarben und Grüntönen gehalten. Wie der Wald, in welchem einer der jungen Männer Murakamis sich verliert. Nebelschwaden ziehen durch die Bilder, die eigentlichen Bilder jedoch stehen still, sind Momentaufnahmen der Dame mit dem roten Venylhut, des Einhornkopfes, vom Wok mit Reis und grünen Paprikaschoten und immer wieder Katzen. Katzen, die sich umdrehen und dem Leser genau ins Auge gucken. Oder immer gerade da entlang schleichen, wo der Protagonist nicht hinsieht.

Die Bilder laufen ohne Ton. Nur manchmal spricht eine Stimme aus dem Off einzelne Gesprächsfetzen. Musik gibt es keine. Keine Musik à la Jay Rubin. Das Bildertempo regelt sich selbst, es gibt keine Jazzmelodien, die all die Handlungsstränge durcheinander wirbeln. Denn verwirbelt sind sie nicht. Sondern ineinander ve
rflochten, schwer trennbar, wie auf einem Webstuhl mit unterschiedlichen dicken Fäden verwebt.

Versuchte ich, eine Trennlinie innerhalb Murakamis Geschichten zu ziehen, so erhielte ich zum kleinen Teil Hinweise auf alltägliches Leben in Japan. Essgewohnheiten, Haustiere, Kleidung. Man isst dort auch Rindfleisch, Reis und Paprika. Nur ist die Zubereitung anders. Man hält Katzen, die, wie manche Tiere bei uns, eine starke Persönlichkeit zu haben scheinen.

Der zweite, größere Abschnitt in seinen Büchern setzt sich aus einem Wirrwarr an Fabelwesen, sich ‚seltsam’ verhaltenden Personen, Geheimnissen, geheimnisvollen Dörfern, Frauen und jungen Mädchen zusammen. Ich als Leser stehe vor einer Welt die sich mir nur schwer erschließt. Ich bin nicht mal sicher, ob ich nicht bloß von einer Plexiglastür stehe und zwar hineinsehen aber niemals eintreten kann. Links und rechts von der Tür sind Fenster in einer

schnurgeraden Linie in die Wand eingelassen. Ich habe durch viele hindurch gesehen bin mir bisher jedoch lediglich meines Fremdseins im Bücher-Japan und im virtuellen Japan bewußtgeworden.

Haruki Murakami stellt mir eine Märchenwelt vor. Eine Märchenwelt, die sich einer komplett anderen Sprache bedient, als germanische Volksmärchen oder russische Fabeln. Die Welt scheint in einem steten Wandel zu stehen, es gibt nichts Festes.

Auch wenn man in hiesigen Märchen stets feste, wiederkehrende Muster findet, ebenso wie in vielen Geschichten Murakamis. Jungfräuliche Prinzessinnen, die Zahlen drei und sieben, gutmütige Bauernsöhne, die gute Fee und die böse Hexe stehen Katzen, einsamen Männern, jungen geheimnisvollen Mädchen und verschwindenden Frauen, gallertartigen Klumpen und Abenteuerreisen gegenüber.

Selbstverständlich kann man Murakamis Bücher auf ein gewisses, verständliches Level reduzieren, doch zum Einen bringt mich dies auf der Suche nach Verstehen nicht weiter, zweitens nimmt man ihnen damit ihre Bedeutung und ihre Fantasie, drittens wäre ein solches Vorgehen wohl kaum eines (angehenden) Literaturwissenschaftlers würdig.


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