Nachträglicher Eintrag vom Februar 2007: Dreckiger Donnerstag oder Eine unheimliche Begegnung mit Graf und Gräfin Dracula
Frebruar. Donnerstag 7:00. Wecker klingelt. Nach drei Stunden Schlaf weil ich heute meine Bachelorarbeit abgeben und bis acht Uhr fünfzig die letzten Korrekturen vornehmen muss. Ich bin sofort hellwach. Doch nicht weil das hohe Piepsen des Funkweckers meinen Verstand wach rüttelt, sondern weil durch geöffnete Fenster Lärm in mein Zimmer stürzt. Ja, stürzt, mich förmlich überrollt, weil es klingt als ob im Garten mindestens dreißig Mann einen Marsch spielen. Dazu lauthals johlen und lachen. Der Lärm geht vorüber als würde der Trupp durch den Garten an meinem Fenster vorbeiziehen. Ich taste nach dem Wecker und stelle den Alarm aus. Als ich die Füße auf den Boden stelle, folgt die nächste Welle Marschmusik. Diesmal begleitet von Gehupe und Fetzen eines Liedes, welches in meinem Kopf Bilder von vor zehn Jahren hervor holt. Auf einer flimmernden Mattscheibe wiegen sich Menschen von links nach rechts, ein Mann im schwarzen Anzug und bunter Mütze schwingt oben auf dem Podium Reden, die Luft glitzert von nieselndem Silberglitter.
Mein Verstand ist endgültig da. Heute ist dreckiger Donnerstag, im Fachjargon auch „Schmotziger Dunschtig“ genannt. Seit mehreren Tagen mischen sich in die vorwiegend rosarote herzige Deko in den Geschäften bunte Luftballons und Fetzengirlanden und auf den täglich besuchten Webseiten und unter Werbeemails und Newslettern prangen rote Nasen und Clownsgesichter und Grußworte wie „Ho Narro Ho Narro“.
9:45. Zum zweiten Mal auf dem Weg zum Copyshop. Nachdem der erste Ausdruck fehlerhafte Umbrüche zeigte und die Datei am Laptop korrigiert wurde, betrete ich erneut den Laden. Am Thresen stehen zwei mir den Rücken zukehrende Gestalten. Erst beim zweiten Hinsehen fällt mir auf, dass sie lange schwarze Mäntel tragen. Als die beiden einander im Gespräch das Gesicht zuwenden, sehe ich Blutspuren, die an ihren Mundwinkeln herab laufen. Graf und Gräfin Dracula. Leibhaftig. Im Copyshop. Er sieht aus als würde er das Tageslicht besser vertragen als seine Gemahlin. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das Make Up, das sie trägt, nicht bloß ihr alltägliches Make Up ist, welches lediglich durch die Streifen roten Blutes ergänzt wurde. Aus dem Auto vor dem Geschäft ruft eine Kinderstimme. Der Nachwuchs von Graf und Gräfin schlägt aus der Art. Im Auto sitzen Biene Maja und ein Wikinger. Nein, eine Kreuzung aus Wikinger und Tempelritter. Mit dickem Fell über den Schultern und silbergrauem Helm sitzt er schweigend auf dem Rücksitz der gräflichen Kutsche, während seine schwarzgelb gestreifte Schwester mit Frau Mama diskutiert.
11:30. Universität. Mein Mitbewohner hat mich gewarnt, ich müsse mich heute am Tag der Abgabe durch betrunkene, seltsam gekleidete Horden kämpfen. An der Uni angekommen ist jedoch alles ruhig. Lediglich die zu erwartenden in zivil gekleideten Studenten sitzen in der Sonne, stehen an den Bushaltestellen und vor dem Beton-Brunnen. Ich schließe mein Rad ab und betrete das Gebäude. Auf den ersten Metern ist es immer noch ruhig. Doch schon fühlt sich die Luft stickiger an als sonst, schon übermitteln meine Ohren ein näher kommendes Tongemisch aus Jubel, Trubel, Heiterkeit, Marschmusik und einer verzerrten Männerstimme, die irgendetwas Unverständliches in ein Mirkophon brummt. Das Foyer ist dicht an dicht besetzt mit Menschen, die neongrüne und schneeweiße Perücken tragen und Hosenträger und Fetzenkostüme und… ich atme tief durch und hoffe halb unbewusst, in der tanzenden Menge keinen meiner Professoren zu entdecken. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch einen Dreikäsehoch, verkleidet als Mariechenkäferwespe die Treppe hinunter wackeln, dann biege ich in den Gang der mich zum Büro des zentralen Prüfungsamtes führt.
12:12. Arbeit abgegeben. In meinem Rucksack sind statt der drei gedruckten Exemplare meine Einkäufe verstaut, ich bin auf dem Heimweg, als sich rechts von mir der Schatten eines überholenden Fahrrades vorbei schiebt. Dem Schatten folgt auf Sattelhöhe ein längliches Objekt und ich frage mich wieso der Radfahrer Holzlatten mit dem Rad und nicht mit dem Auto transportiert. Doch an mir fährt kein Mensch in verstaubter Latzhose und Hemd sondern eine Gestalt mit rotem Kopftuch, geblümtem Rock und riesigem Besen in der Hand vorbei. Kein Baumaterial sondern ein altmodischer Reisigbesen wird von der hakennasigen Gestalt gehalten. Erst als sie mich überholt hat, sehe ich, dass die Hände des Radfahrers Männerhände sind. Ich kann grade noch darüber nachdenken, ob Hexen also auch männlich sind oder Männer auch Hexen, als die Ampel vor mir rot wird und ich einen kopflosen Teddybären, eine fülligen Tigerdame und zwei kuschelnde schwarzfellige Monster mit großen blauen Augen beim Überqueren der Straße beobachten kann.
13:00. Zu Hause. Mails abgerufen. Im Posteingang die Einladung in eine neue Gruppe einer virtuellen Plattform. Name: Narren nerven! Ich klicke auf „Einladung annehmen“ und denke beim Betrachten der Mitglieder an mein erstes Jahr an der Universität. Im ersten Konstanzer Frühling musste ich am Sprachlehrinstitut mit Kommilitonen darüber diskutieren, ob die Lehrkräfte an Fasnacht in Kostümen erscheinen dürften oder nicht. Die Diskussion artete schnell in eine Entweder-Oder-Debatte aus, in welcher die im Konstanzer Umland heimischen Studenten behaupteten, man wolle Fasnacht ja komplett abschaffen und könne nicht begreifen, dass man mit einem solchen Akt doch kostbares traditionsreiches Kulturgut in den Abfall werfen würde.
13:30. Schokosahnepudding aus dem Kühlschrank. Als ich Küche betrete, steht mein Mitbewohner vor mir. Ich kann mir ein Auflachen nicht verkneifen. Er steht da in blauen Jogginghosen, die mit Hosenträgern in Clownsmanier auf Bauchnabelhöhe gezogen werden, dazu schwarze Kniestrümpfe und eine Krawatte deren Spitze gerade mal übers Brustbein hinaus reicht. Er grinst und sagt, dass er ja eigentlich auch Verächter des Fasnachtstrubels sei. Aber einmal müsse man das ja mitgemacht haben.
Mein letztes Jahr in dieser kleinen Stadt in Süddeutschland, mein dritter schmotziger Dunschtig und endlich kann ich jemanden dabei beobachten, wie er vom normal gekleideten Alltagsmensch zum, nunja, ein klein wenig lächerlich kostümierten Fasnachtsteilnehmer mit Haarzopfpalme auf dem Kopf wird. Die Schminke käme noch, sagt er. Ich hoffe inständigst, dass das hier in unserer Wohnung passiert und speichere das Bild meines Mitbewohners im Kopf und auf dem Chip meines Mobiltelefons.
Mir Narre, mir Narre,
mir sind it räecht im Grind,
doch oft sind dia it gscheiter,
wo koine Narre sind.
Mein Verstand ist endgültig da. Heute ist dreckiger Donnerstag, im Fachjargon auch „Schmotziger Dunschtig“ genannt. Seit mehreren Tagen mischen sich in die vorwiegend rosarote herzige Deko in den Geschäften bunte Luftballons und Fetzengirlanden und auf den täglich besuchten Webseiten und unter Werbeemails und Newslettern prangen rote Nasen und Clownsgesichter und Grußworte wie „Ho Narro Ho Narro“.
9:45. Zum zweiten Mal auf dem Weg zum Copyshop. Nachdem der erste Ausdruck fehlerhafte Umbrüche zeigte und die Datei am Laptop korrigiert wurde, betrete ich erneut den Laden. Am Thresen stehen zwei mir den Rücken zukehrende Gestalten. Erst beim zweiten Hinsehen fällt mir auf, dass sie lange schwarze Mäntel tragen. Als die beiden einander im Gespräch das Gesicht zuwenden, sehe ich Blutspuren, die an ihren Mundwinkeln herab laufen. Graf und Gräfin Dracula. Leibhaftig. Im Copyshop. Er sieht aus als würde er das Tageslicht besser vertragen als seine Gemahlin. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das Make Up, das sie trägt, nicht bloß ihr alltägliches Make Up ist, welches lediglich durch die Streifen roten Blutes ergänzt wurde. Aus dem Auto vor dem Geschäft ruft eine Kinderstimme. Der Nachwuchs von Graf und Gräfin schlägt aus der Art. Im Auto sitzen Biene Maja und ein Wikinger. Nein, eine Kreuzung aus Wikinger und Tempelritter. Mit dickem Fell über den Schultern und silbergrauem Helm sitzt er schweigend auf dem Rücksitz der gräflichen Kutsche, während seine schwarzgelb gestreifte Schwester mit Frau Mama diskutiert.
11:30. Universität. Mein Mitbewohner hat mich gewarnt, ich müsse mich heute am Tag der Abgabe durch betrunkene, seltsam gekleidete Horden kämpfen. An der Uni angekommen ist jedoch alles ruhig. Lediglich die zu erwartenden in zivil gekleideten Studenten sitzen in der Sonne, stehen an den Bushaltestellen und vor dem Beton-Brunnen. Ich schließe mein Rad ab und betrete das Gebäude. Auf den ersten Metern ist es immer noch ruhig. Doch schon fühlt sich die Luft stickiger an als sonst, schon übermitteln meine Ohren ein näher kommendes Tongemisch aus Jubel, Trubel, Heiterkeit, Marschmusik und einer verzerrten Männerstimme, die irgendetwas Unverständliches in ein Mirkophon brummt. Das Foyer ist dicht an dicht besetzt mit Menschen, die neongrüne und schneeweiße Perücken tragen und Hosenträger und Fetzenkostüme und… ich atme tief durch und hoffe halb unbewusst, in der tanzenden Menge keinen meiner Professoren zu entdecken. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch einen Dreikäsehoch, verkleidet als Mariechenkäferwespe die Treppe hinunter wackeln, dann biege ich in den Gang der mich zum Büro des zentralen Prüfungsamtes führt.
12:12. Arbeit abgegeben. In meinem Rucksack sind statt der drei gedruckten Exemplare meine Einkäufe verstaut, ich bin auf dem Heimweg, als sich rechts von mir der Schatten eines überholenden Fahrrades vorbei schiebt. Dem Schatten folgt auf Sattelhöhe ein längliches Objekt und ich frage mich wieso der Radfahrer Holzlatten mit dem Rad und nicht mit dem Auto transportiert. Doch an mir fährt kein Mensch in verstaubter Latzhose und Hemd sondern eine Gestalt mit rotem Kopftuch, geblümtem Rock und riesigem Besen in der Hand vorbei. Kein Baumaterial sondern ein altmodischer Reisigbesen wird von der hakennasigen Gestalt gehalten. Erst als sie mich überholt hat, sehe ich, dass die Hände des Radfahrers Männerhände sind. Ich kann grade noch darüber nachdenken, ob Hexen also auch männlich sind oder Männer auch Hexen, als die Ampel vor mir rot wird und ich einen kopflosen Teddybären, eine fülligen Tigerdame und zwei kuschelnde schwarzfellige Monster mit großen blauen Augen beim Überqueren der Straße beobachten kann.
13:00. Zu Hause. Mails abgerufen. Im Posteingang die Einladung in eine neue Gruppe einer virtuellen Plattform. Name: Narren nerven! Ich klicke auf „Einladung annehmen“ und denke beim Betrachten der Mitglieder an mein erstes Jahr an der Universität. Im ersten Konstanzer Frühling musste ich am Sprachlehrinstitut mit Kommilitonen darüber diskutieren, ob die Lehrkräfte an Fasnacht in Kostümen erscheinen dürften oder nicht. Die Diskussion artete schnell in eine Entweder-Oder-Debatte aus, in welcher die im Konstanzer Umland heimischen Studenten behaupteten, man wolle Fasnacht ja komplett abschaffen und könne nicht begreifen, dass man mit einem solchen Akt doch kostbares traditionsreiches Kulturgut in den Abfall werfen würde.
13:30. Schokosahnepudding aus dem Kühlschrank. Als ich Küche betrete, steht mein Mitbewohner vor mir. Ich kann mir ein Auflachen nicht verkneifen. Er steht da in blauen Jogginghosen, die mit Hosenträgern in Clownsmanier auf Bauchnabelhöhe gezogen werden, dazu schwarze Kniestrümpfe und eine Krawatte deren Spitze gerade mal übers Brustbein hinaus reicht. Er grinst und sagt, dass er ja eigentlich auch Verächter des Fasnachtstrubels sei. Aber einmal müsse man das ja mitgemacht haben.
Mein letztes Jahr in dieser kleinen Stadt in Süddeutschland, mein dritter schmotziger Dunschtig und endlich kann ich jemanden dabei beobachten, wie er vom normal gekleideten Alltagsmensch zum, nunja, ein klein wenig lächerlich kostümierten Fasnachtsteilnehmer mit Haarzopfpalme auf dem Kopf wird. Die Schminke käme noch, sagt er. Ich hoffe inständigst, dass das hier in unserer Wohnung passiert und speichere das Bild meines Mitbewohners im Kopf und auf dem Chip meines Mobiltelefons.
Mir Narre, mir Narre,
mir sind it räecht im Grind,
doch oft sind dia it gscheiter,
wo koine Narre sind.

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