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Familienwandel I

Bestandsaufnahme.


Links und rechts meines Spiegels im Flur hängen zwei Bilderrahmen, die voll sind mit schönen alten Schwarzweißfotos. Familie, Freunde, Kinder – und alles rund 30 Jahre alt. Meine Mutter ist auf diesen Bildern genauso alt wie ich heute. Ich liebe diese Fotos, weil sie meine Kindheit abbilden. Ich sehe alles mögliche darin, Geschichten, Wiesen, Wellblechdächer, auf denen herum geklettert wurde, Seen, zahllose Wochenenden auf der Datscha, Sonne, Maisfelder... und all diese Freunde und Bekannten meiner Eltern, mit und zwischen denen die anderen Kinder und ich groß geworden sind.

Und zum ersten Mal frage ich mich, welche Fotos meine nichtvorhandene Tochter mal anschaun wird, in 30 Jahren. Mein Freundes- und Bekanntenkreis ist quasi ein Spiegel dessen, was ich dort auf den Fotos sehe, was ich im Herzen mit mir an Erinnerungen herum trage. Mit der Ausnahme: Es gibt kaum Kinder.

Wo sind die Lütten, die zwischen unseren Beinen herum rennen? Die die Wespenfallen im Obstbaum begucken, Kirschkernweitspucken und Quallenweitwurf veranstalten?

Was ist passiert? Was ist passiert in diesen Jahren dazwischen – das zwei Generationen komplett verändert hat? Zwischen 26 und 40: Kinder sind eher die Ausnahme, nicht die Regel. Beziehungen gibt es, aber keine Familien. Und dabei ist mein Freundeskreis nicht voll mit Wannabe-youngsters, nicht mal mit den Eternal-undecided.

Abgesehen von der Altersspanne gibt es kaum Überschneidungen. Politische Ausrichtung, Erziehung, (Ost- oder West-) Herkunft, Religion – all diese Differenzierungen spielen keine Rolle. Einzige Überschneidung: Alles AkademikerInnen.

Und irgendwann sitzt man in der Abendsonne und wundert sich...


All die vielen Freiheiten, die durch Emanzipation, Anspruch auf Bildung, Globalisierung, sexuelle Freiheit, (virtuelle) Vernetzung und "Selbstverwirklichung", erreicht wurden und uns so vieles ermöglichen, bremsen uns in vielem auch wieder aus; beziehunsgweise ziehen uns in diesen Karriere-Youngsters-Cosmopolitan-Sog und irgendwann mit Ende 30/Anfang 40 stehen wir da und überlegen, ob wir das so eigentlich wirklich gut finden.

Wir sitzen an einem Freitagabend in einer unserer Stammkneipen, haben eine 50 Stundenwoche hinter, und das Wochenende voller Termine und Verabredungen vor uns. Die Abendsonne scheint, wir warten auf ein, zwei, drei Freunde, die auf dem Weg hierher sind und haben für einen Moment lang das Gefühl, da müsste doch eigentlich so ein Knirps angerannt kommen, Papaaa oder Mamaaa schreien und wir streichen ihm über den Kopf, lächeln oder heben ihn auf unseren Schoß.

Egal ob Allgäuer Almöhi, Kölner Karnevalsprinzenpaar, Hamburger Hafenjunge oder Berliner Großstadtgöre: Was ist passiert, dass wir uns selbst so wichtig sind, uns selbst so gar nicht bereit fühlen fürs Familie gründen? Ich betrachte meine Mutter auf diesen Fotos und frage mich, ob ich mit einem Kind an der Hand genauso aussehen würde. So selbstverständlich.

Sind wir einfach zu unentspannt geworden? Machen wir uns zu viele Sorgen ums Morgen? Sind wir zu sehr Kind, um selbst welche zu kriegen? Ist der biologische Automatismus Nachwuchszeugung einer verkopften Ichbezogenheit zum Opfer gefallen?

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