Direkt zum Hauptbereich

Sonntagsbrötchen. #NoG20 aftermath

Sonntagmorgen. Draußen zwitscherts. Kirchturmglocken läuten. Das Kind rülpst auf meiner Schulter und strahlt mit der Sonne um die Wette. Ich gehe auf meinen kakelbunt beblühten Balkon, Temperatur testen. Unten rauschen ein paar Autos vorbei. Ich schnalle mir das Kind um, der Mann schnarcht noch ein bisschen. Der Weg zum Bäcker ist bevölkert von Spatzen, alten Frauen und jungen Männern und mittelalten Pärchen mit Hundeleinen, Brötchentüten oder Kindern in der Hand. Heile Welt.

Der Bäcker selbst ist mit seinem spärlich leckeren Angebot fast antikapitalistisch zu nennen. Wer nach neun Uhr dreißig kommt, kriegt nüscht mehr. Mitten in Berlin, Samstags wie Sonntags. Den Bäcker gibts hier schon immer. Und immer liegen hier die Samstags- und Sonntagszeitungen. Die mit den rotweißen Logos und ein paar Berliner. Gestern war der Zeitungstisch rotgülden, so leuchteten von allen Titelseiten die Feuerfotos aus Hamburg. Heute sind die Bilder gräulich verdreckt: Blicke in die geplünderten und verwüsteten Läden und Straßen. 

Ich versuche, nicht hinzugucken. Natürlich ist da kein Foto von dem Polizisten, der mit Demonstranten Tictactoe spielt. Sonne, bunte Menschen, die mit Kreide auf die Straße krakeln. Auch kein Foto von den zigtausenden Menschen, die (auch) am Samstag demonstrierten. Auch nicht das Foto von dem Typen im Tshirt, der mit seinem Wischtelefon ein Selfie vor brennden Barrikaden und Steineschmeißern macht.

Das eine wäre ein sonnigschönes Bild einer Szene, wie es sie an diesem Wochenende eben auch gegeben hat. Das andere wäre eine schlichte Tatsachenaufnahme. Das dritte schließlich wäre die Illustration einer Facette jenes Irrsinns, der sich in den Hamburger Straßen abspielte.

Die friedlichen Bilder taugen allerdings nicht für Titelseiten. Schließlich schwappte der Volkszorn dann sofort an die virtuelle Verlagshaustür, denn es gilt: wer sagt "guck hier, friedliche Demonstranten", der verhöhnt entweder die von Gewalt und Zerstörungswut Betroffenen oder ist gleich selber Steineschmeißer. Die Satiriker des Internets haben das bereits ausreichend kommentiert und aufgeschrieben und aufgemalt.


Hamburg hat es mit Bravour, Feuerwerk und Donnerknall geschafft offenzulegen, was sich seit Jahren in BesorgteBürger-Demos, Filterbubbles und Kommentarspalten widerspiegelt: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

Die Empörung der Selbstgerechten und hunderten von Leuten, die meinen, sich aus "fernsehngucken" ein vollständiges, sachliches und sowieso völlig richtiges Bild der Geschehnisse in Hamburg machen zu können. Die nun geifernd oder Ichhabsdochimmergewusst-nickend darüber schimpfen, dass "die Linken" Hamburg verwüsten durften.
Der Versuch all jener, gegen die brenennde Bilderflut anzureden. Es gibt sie, die guten Kommentare, die Versuche, nicht "ja aber" zu sagen, sondern "darum geht es!"
Die Forderungen nach "lückenloser Aufarbeitung" der Eskalation durch ein paar Vermummte (mit Dienstnummer und mit Schwarzkapuze).
Die Aussicht darauf, dass Hamburg nun für den Wahlkampf noch einmal ausgeschlachtet und vor den Pöbel gezerrt wird.

Was mich - unter anderem - so unglaublich wütend macht, dass ich versuche, mich mit ein paar Pixeln abzureagieren, ist die Zerstörungswut in Hamburg. Ihr Vollidioten, ihr grandiosen Krawalltouristen, ihr habt mit Karacho eine ganze LKW-Kolonnenladung voll mit Argumenten für "Die Linken Sind Scheiße" ausgekippt. Denn natürlich sind brennende Autos links. Natürlich sind brennende Mülltonnen links. Natürlich sind das linke Demonstranten, linke Chaoten und linke Randalierer, die da in Hamburg unterwegs waren. Wer sonst? Besoffene Volltrottel? Ach Quatsch.

Während sich das Land am Wochenende selbst zerhackte, jede und jeder auf ihrer eigenen Moral hockte, saßen die G20 hinter Panzertüren und kichern sich einen Ast ab über euch. Sie beschließen unbehelligt eine Zukunft, in der es weiterhin Kleinwagen geben wird, die von Vollpfosten abgefackelt werden, damit andere wieder ihren gerechten Volkszorn auskübeln können und alle über die Medien motzen, die ja doch nie richtig und korrekt berichten. 

Ja, verdammich nochmal, ich habe teilweise gesehen, wie der Staat in Person von Polizeibeamten gegen Demonstranten vorgegangen ist. Das. ist. keine. Rechtfertigung. eine Stadt zu verwüsten.

Hamburg war eiskalte Kalkulation. Mal reinpieken in den Haufen und hoffen, dass er explodiert. Denn dann gibts: Ablenkung. Ablenkung vom Bundesrat, der noch vor der Sommerpause 60 Gesetze verabschiedet. Ablenkung von 130 Steuer-Millionen für einen Gipfelversammlung mitten in einer Großstadt, schließlich ist die Beseitugung der Explosionsschäden nachher teurer. Ablenkung von 20 Länderchefs, die die Welt noch ein bisschen weiter in die Scheiße reiten. Die sich mit dem Toddler aus Amerika über Klimaschutz streiten. Ablenkung von der Tatsache, dass mit dem Toddler Trump, Erdogan und Putin drei Autokraten in Deutschland aufhalten und mit denen sich unsKanzlerin über Hunger, Armut, Waffenhandel und Weltgesundheit diskutieren soll.
Es gibt außerdem: Wahlkampffutter. Und Futter für einen "Kampf gegen jeglichen Extremismus". Und Futter für die tägliche Selbstbestätigung.

Die Bilanzen überschlagen sich jetzt, Ausschüsse werden gefordert, Ermittlungen gegen gewalttätige Polizisten sowie Schwarzkapuzenträger gefordert, Anzeige folgt auf Anzeige, bestürzte Menschen stehen vor ihren zersplitterten Schaufenstern, Ikea muss bisschen reparieren, eine Kaufhalle ist kaputt, Briefe an Versicherungen werden geschrieben, und irgendwo sitzt Erdogan und guckt amüsiert BILD-Fotostrecken und noch irgendwo anders wachen die Selfie-Fotografen ein bisschen verkatert auf und gucken in ihre Handys: "Guck, endgeil, das Bild da, siehste wie der da hinten grad den Stein schmeißt?"


Meine heile Welt ist nicht selbstverständlich. Der Protest gegen die G20, die, so richtig eklig plakativ gesprochen, überall für blühende Balkone sorgen sollten, ist mit ach und krach eben so sichtbar geblieben hinter den Rauchschwaden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Kommentare