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Brei kochen ist wichtiger als Texte schreiben

Ich fühle mich wie mein eigenes Klischee.

Das Kind schläft, Essen ist fertig, die Wäsche hängt, die Spülmaschine ist leer, die Plätzchenetagere ist gefüllt, der Weihnachtsstern hängt. Der Mann ist vor einer halben Stunde zur Arbeit gefahren. – Diese Sätze könnte ich seit sieben Monaten mehr oder weniger jeden Abend schreiben. Change the time of his departure and that's it. Auf Netflix läuft irgendwas belangloses, White Noise so my brain stays on the topic.

Plätzchen gibt's diesmal ohne Heavy Metal, dafür mit Babygekiekse. Hat einen anderen Frequenzbereich, kann aber ähnlich toll oder störend sein.

Seit vielleicht zwei Wochen habe ich mich (endlich) mit diesem seltsamen Zustand Elternzeit arrangiert. Und gucke eher unruhig auf das nächste Frühjahr, wenn ich wieder in die Redaktion muss. Ich soll mein Kind jeden Morgen abgeben. Absurd grade, die Vorstellung. Ich habe ja noch nicht mal einen Kitaplatz. Meine Friseurin erzählt mir jedes Mal, ich soll einen Brandbrief an den Senat schreiben, bei einer Bekannten habe das funktioniert. Ich bin die Hautptverdienerin meiner Familie. Ich brauche diesen Platz. "Das wird schon, das fügt sich alles", sagen alle. Ich schreibe trotzdem Kita um Kita an, per Mail oder Anmeldeformular xyz Nummer 23.

Klischee.

So durchschaubar. Die Ex-Journalistin, die von der Zeitung gewechselt ist in eine, Zitat, Onlinebude, und die jetzt zu Hause sitzt mit Baby und sich nur mit Mühe davob abhalten kann, ihre Wut über Gendergedöns in der Baby(!!)Klamottenabteilung in ihren Blog zu rotzen. Oder den Nerv über dieses blöde Gefühl, wenn man mit Kinderwagen zum Einkaufen "spazieren geht", weil der Dreikäsehoch ja an die frische Luft muss, und einem unterwegs Frauen am anderen Ende des Lebens entgegenkommen oder Mütter mit zweitem Kind. Die Weißhaarigen ziehen ihre vollgekauften Rollwägelchen hinter sich her und die Mütter mit dem zweiten Kind im Bauch oder am Wagen scheinen – je nach Verfassung der Beobachterin – selbst genervt zu sein vom Mittags mit Kind rumlaufen anstatt Teammeetings zu schmeißen oder heimlich lächelnd den Frühwinterspaziergang zu genießen und die zehn Minuten Ruhe, weil Kind1 im Wagen pennt und Kind2 grade mal nicht tritt. Immer sind es die Frauen. In meiner Wahrnehmung sehe ich Männer immer nur angetrunken und nach kaltem Rauch stinkend vorm oder im Späti stehen. Während die Frauen ihre Wägelchen schuckeln und in der Kaufhalle Dinge aufs Band legen, die mich an den Kühlschrankinhalt meiner verwitweten Oma erinnern. Und ich bin nun eine der Frauen, die ihr Kind durch Strohwitwenalltag schiebt und dem Mann Bilder vom Schlafbaby oder Sitzbaby oder Brabbelbaby whatsappt. Wuäh.


S. hat mich per Kurzkommentar ermuntert, wieder zu bloggen. Muss sie nicht, ich will doch. Aber alles fühlt sich belanglos an. Ein Amerikanischer Präsident hat sich nach Nord Korea den nächsten Brandherd ausgesucht und piekt da rein mit einer Begeisterung, die ich nicht auch mit der eines Kleinkindes vergleichen will wie Trevor Noah. Dessen Show ich so oft es geht gucke, um irgendwie uptodate zu bleiben. Angedockt an den politischen Betrieb der Welt und vor allem angedockt an dessen ironische, zynische und sarkastische Kommentierung. 


Der geliebte und gegen Ende meiner Zeit beim nd gelittene Zustand ständiger medialer Aufmerksamkeit und Erregung ist lange her. Die Selbstverständlichkeit des Schreibens ist mit ihr verblasst. Was soll denn jetzt noch ein Text, der sexistische Kacksch* kommentiert: Interessiert es jemanden, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe, meine Tochter würde ohne "Boysareas" im Spielzeugladen großwerden und ohne hochgezogene Augenbrauen, weil ich kategorisch erkläre, ihr Bagger und Tankstelle statt rosa Ponyhof mit glitzerndem Bügeleisen ins Kinderzimmer stellen zu wollen. ?

Eins ist genauso wie vor drei Jahren: Mein Nacken steuert auf die nächste Wirbelblockade hin. Und dass, obwohl ich ja gar nicht arbeite, sondern ja nur zu Hause bin.


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